Drehleier am Lagerfeuer?
#1
Hallo zusammen,

ich bin schon lange begeistert vom Drehleier-Sound und überlege jetzt, mir ein Instrument anzuschaffen.
Als Pfadfinder spiele ich regelmäßig Gitarre am Lagerfeuer. Daher ist für mich ein absolutes Kriterium, dass die Drehleier auch als Begleitinstrument zusammen mit teils unerfahrenen Gitarrenspielern und betrunkenen Sängern benutzt werden kann.

Bestimmt wäre ich nicht der Erste, der eine Drehleier am Lagerfeuer ausgepackt hat. Vielleicht könnt ihr mir diese Fragen beantworten:
  • Wie ist es mit der Lautstärke? Kann man auch "dezent" spielen? Ich möchte nicht alle dominieren oder gar nerven, sondern mit anderen zusammen spielen.
  • Wie sieht es mit Noten aus? Können normale Gitarrenakkorde einfach gespielt werden bzw. kann die Leier so gestimmt werden, dass ohne Transponieren zusammen mit Gitarren gespielt werden kann?
  • Wie Hitzeresistent ist die Leier? Verstimmen tut sie sich natürlich, aber kann sie bei (mäßiger) Hitze auch eventuell beschädigt werden?


Vielen Lieben Dank!
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#2
Hi Fabo,

ehrlich gesagt würde ich niemals eine Drehleier am Lagerfauer auspacken. Zumindest nicht in so einer Pfadfindersituation. Vielleicht noch bei einer Session auf einem Folk-Festival im Sommer... aber sobald ein Lagerfeuer in's Spiel kommt, würd ich es mir ehrlich gesagt auch hier zwei Mal überlegen. Die Instrumente sind viel zu teuer dafür (brauchbare Einstiegsleiern fangen so bei ca. 2500€ an - es gibt bei Drehleiern kein "Lagerfeuergitarre"-Equivalent für wenig Geld) und auch sehr anfällig für Störungen durch die Witterung etc.

Um genauer auf deine Fragen einzugehen:
  • Lautstärke stelle ich mir unproblematisch vor. Zwar ist eine Drehleier schon eher ein lautes Instrument, aber (solang du nicht schnarrst) ist der Sound nicht wirklich deckend oder dominierend.
  • Eine Drehleier ist ein reines Melodieinstrument (bzw. auch Percussioninstrument durch die Schnarre). Du kannst keine Akkorde spielen, höchstens Akkordbrechungen/Arpeggios. Wenn man mal von den Bordunsaiten absieht (die einen durchgehenden, gleichbleibenden Ton erzeugen), kannst du gleichzeitig immer nur einen Ton spielen. Quasi wie bei einer Flöte. Du könntest damit zwar eine Begleitstimme oder auch die Hauptmelodie des Stücks spielen, aber das ist vermutlich nicht ganz das, was dir vorschwebt? Du könntest auch einfach immer die Grundtöne der Gitarrenakkorde spielen, aber das stelle ich mir musikalisch nicht sehr spannend vor, selbst fürs Lagerfeuer...
  • Man kann problemlos mit Gitarren zusammenspielen. Bedenke aber, dass du bei der Drehleier mehr oder weniger stark an bestimmte Tonleitern gebunden bist. Du bist da längst nicht so frei, wie ein Gitarrist, selbst wenn du ohne Bordunsaiten spielen solltest. Manch einer wird hier vermutlich auch sagen, dass die Leier durch ihre reine Stimmung nicht zur temperierten Stimmung der Gitarre passt, aber das erscheint mir für den gedachten Anwendungszweck noch nach dem kleinsten Problem.
  • Leiern sind nicht sehr hitzeresistent. Ich glaube nicht, dass sie beschädigt werden wird, wenn du gut drauf aufpasst. Aber Drehleiern sind sehr wartungsintensiv und "zimperlich". Und genau hier sehe ich die Krux.

    Am Lagerfeuer hast du ja nicht nur mit der Hitze zu kämpfen, sondern häufig auch mit eine staubigen Gegend, feuchter Luft und kalten Temperatur außenrum, Rauch, sonstige Partikel, unvorsichtige Menschen etc. All das klingt für mich nach dem puren Horror für eine/n Leier-SpielerIn. Man muss an einer Leier sehr viel einrichten, u.a. die Wattierung (man befestigt Watte an den Saiten, damit sie vom Rad gut angestrichen werden), die Kolophonierung (ähnlich wie bei der Geige muss Kolophonium aufs Rad), dem Feinstimmen der Fähnchen auf den Tasten (sowohl, was die Tonhöhe, als auch was die Spielbarkeit betrifft) und nicht zu letzt hat man auch häufig mit klemmenden Tasten zu kämpfen.

    Alle diese Probleme sind bereits in "Kontrollierten Umgebungen" wie einem Proberaum oder Wohnzimmer, teilweise unvorhersehbar. Aber wenn auch nur eines dieser Dinge nicht wirklich gut eingestellt ist, kann es sein, dass du nicht richtig spielen kannst oder nur einen Quietschton aus der Leier bekommst, bis du sie wieder richtig eingestellt hast. Bei einem Lagerfeuer ist hier sicherlich Stress vorprogrammiert, denn alle die genannten Faktoren werden sehr stark von z.B. der Temperatur und Luftfeuchte beeinflusst. Abgesehen davon, dass die Sichtbedingungen bei einem Lagerfeuer die dann anfallende Einstellarbeit auch nicht gerade erleichern.

Alles in allem würde ich dir am ehesten Mal einen Leier-Anfängerworkshop mit Leihinstrument zu belegen, um selbst einen Eindruck davon zu bekommen.
Ich kann deinen Wunsch danach, die Leier auch am Lagerfeuer spielen zu können, schon nachvollziehen... aber vielleicht gefällt dir der Sound usw. ja auch einfach gut genug, um sie als dein "privates" Instrument zu spielen Wink
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#3
Wow, vielen Dank für diese super ausführliche Antwort!
Ich muss Dir ja mit meiner verrückten Idee wie der Elefant im Porzellanladen vorkommen. Daher umso besser, dass ich gefragt habe, bevor es zu einem Debakel kommt Big Grin

Der hohe Preis war mir natürlich bewusst. In unseren Kreisen wird auch sehr vorsichtig mit fremden Instrumenten umgegangen, da hätte ich jetzt keine Sorge.
Die Punkte "reines Melodieinstrument" und "zimperlich" sind allerdings schon eher ein Problem... "Wonderwall" am Feuer mit Drehleier wird es dann wohl leider nicht geben.

So schnell werde ich der Drehleier aber nicht den Rücken kehren!
Ich werde mich dann mal nach Workshops im Großraum Düsseldorf/Köln umsehen. Nach einer schnellen Suche vor ein paar Tagen bin ich zwar nicht fündig geworden, aber da wird es im Sommer sicherlich etwas geben.
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#4
Keine Sorge! So verrückt finde ich den Gedanken gar nicht und genau für so einen Austausch ist dieses Forum doch da. Außerdem ist doch klar, dass man sein neues Instrument auch gern bei seinen Lieblingsaktivitäten mit dabei hätte, gerade wenn die eh musikalischer Natur sind. Big Grin
Übrigens würde ich auch nicht daran zweifeln, dass die anderen gut auf deine teuere Leier aufpassen würden, aber im Dunkeln, am Lagerfeuer, kann man ja schonmal eher stolpern als woanders etc Smile

Großraum Düsseldorf/Köln? Da würde ich dir sehr stark die Sommerbordunale (https://bordun.de/kurse/sommerbordunale) empfehlen. Ein ganz wunderbares kleines Folk-Festival, dass dir sicherlich prima gefallen wird. Das Kursprogramm für 2020 ist noch nicht online, aber es gibt jedes Jahr einen Drehleier-Schnupperkurs. Ich würde mal vermuten, dass dir das ganze Ambiente dort als Pfadfinder sehr gut gefallen würde Wink Es ist weniger ein Kurswochenende, als mehr ein Festival mit vielen kurzen Kursen, Konzerten und abends immer Tanz. Und campen kann man auch Wink

Auch nicht allzuweit sind die "Hummelkurse" in Wiesbaden und Mücke (https://bordun.de/kurse/hummelkurse). Hier gibt es immer Drehleieranfängerkurse über das komplette Wochenende.

Ansonsten, etwas weiter weg, aber sehr empfehlenswert: Die Nürnberger Borduntage (https://www.nuernberger-borduntage.de).
Ansonsten könntest du auch mal schauen, ob Alex Zwingmann in der Nähe auf einem Mittelalterlich Phantasie Spectaculum (ein Mittelalter-/Fantasy-Festival, dass in vielen Orten in ganz Deutschland stattfindet). seine Kurzkurse anbietet, ebenfalls sehr empfehlenswert: https://dudelsack-drehleier-unterricht.de/
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#5
Ich habe tatsächlich mal Erfahrung mit diesem Thema gemacht, vor ein paar Jahren mit meiner alten Abraxas von Gotschy zu Ostern an einem mittelgroßen Lagerfeuer.
Die Beleuchtung und die extremen Feuchtigkeitsunterschiede zwischen jedem cm Distanz zum Feuer waren aber wirklich problematisch und in Zukunft würde ich da eher andere Instrumente nehmen.
Damals hatte ich teilweise noch Darmsaiten drauf und damit würde ich es gar nicht erst versuchen. Bei Saiten mit Nylon- oder Stahlkern fällt zumindest ein größerer Teil der Verstimmungsproblematik weg, die Tastenmechanik mag extreme Feuchtigkeitsunterschiede aber trotzdem nicht, sofern nicht komplett aus Kunststoff gefertigt, also es ist möglich, aber immer mit Problemen verbunden und ein Austrocknen des Holzes durch Wärmestrahlung kann böse enden, weshalb die Gitarristen ja auch nicht ihre beste Gitarre mit zum Lagerfeuer nehmen und dafür in der Regel eine günstige haben, die aber immernoch halbwegs was taugt.
https://www.last.fm/user/Deviant0815

„Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.“
Thomas Morus (1478-1535)

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#6
Die Sommerbordunale hab ich im Kalender, da finden sich bestimmt auch ein paar Freunde, die Bock drauf haben Smile

Danke nochmal für Eure Tips. Lagerfeuer werde ich auf jeden Fall sein lassen! Aber wir spielen auch oft bei anderen Gelegenheiten - da werde ich dann hoffentlich eines Tages mit der Drehleier aufkreuzen!
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#7
Hallo Smile

Auch wenn ich dafür jetzt vielleicht von anderen Drehleier-Spielern gesteinigt werde...ich spiele gelegentlich am Lagerfeuer. Ok...ich setzte mich nicht halb ins Feuer rein, versuche also etwas Abstand zu halten. Und ich nehme nicht meine teuerste Leier für diese Gelegenheiten. Ich habe eine Encanta von Geralf Grems, die ich mit zum Mittelalterlager und sonstigen Veranstaltungen nehme, bei denen ich draußen und auch am Lagerfeuer spiele. Bisher hat sie das erstaunlich gut mitgemacht. Wenn Du also gewisse Vorsichtsmaßnahmen einhältst, sollte dem Spiel am Lagerfeuer...in gewissem Abstand...nichts im Wege stehen.

Hier noch ein weiterer Link zu einem Spielkurs, der schon recht bald in Bad Homburg stattfindet (da gibt es auch immer einen Anfängerkurs):

http://www.drehleier-unterricht.de/
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#8
Man könnte aber schon, mit eine Drehleier mit zwei Melodiesaiten, die man in einer Quint stimmt, ein Lied mit "Powerchords" begleiten, in einer Lagerfeuersituation, die ja auch auf einer Hütte stattfinden könnte. Inwiefern einem das mit den Möglichkeiten der Drehleier ausreicht, muss man natürlich selbst herausfinden.
Da ist sicher eine Gitarre oder eine Quetsche befriedigender...aber "irgendwie" täts gehen
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