Tag der Drehleiermusik im Hessenpark bei Neu-Anspach
#1
Music 
Am 21. Juni 2020 gibt es im Hessenpark bei Neu-Anspach zum ersten Mal einen Tag der Drehleiermusik


Aktuell wird das Programm geplant, es soll Schnupperkurse für Anfänger geben, eine Drehleierausstellung, verschiedene Vorträge und Einführungen in Balfolk und einfache Renaissance-Tänze.


Kommet herbei und bringt eure Drehleiern mit, wir planen weitere Aktionen, Infos folgen hier.
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#2
"Die Drehleier ist durch die „Hurdy-Gurdy-Girls“ des 19. Jahrhunderts eng mit der hessischen Geschichte verbunden."

Jetzt wird dieser Schwachfug von den bis heute nicht belegten hessischen "Hurdy-Gurdy-Girls" auch noch von diesem Freilicht-Museum unhinterfragt übernommen. Das einzig Wahre an dieser Geschichte ist ihre Kolportage! Und es wird Zeit, rund 40 Jahre nach Marianne Bröckers Abhandlung über die Drehleier das mal klarzustellen. Oder, um es mit ihren Worten zu sagen, dass sie zur Zeit der Abfassung mancher Einflüsterung erlegen war...
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#3
Ja, das erinnert mich irgendwie an einen bestimmten hessischen Drehleierbauer, der damit auch seine Webseite geschmückt hat.
[Bild: Startbild_gr.jpg]

Einzige Lautenleier aus der Werkstatt von Sebastian Hilsmann
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#4
Man beachte nur die Kurbel der abgebildeten Leier und man kann nur müde lächeln...
I have three answers to the questions that I know are in the audience.
Answer number one: It's called a hurdy gurdy.
Answer number two: you turn the crank and run your fingers up and down the outside.
Answer number three: No, I do not have a monkey!
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#5
Liebe Elisa,

Du hast ein wirklich scharfes Auge! Stimmt, da gab es ja damals eine Sonderauflage für diese Kurbel von besagtem Drehleierbauer aus Hessen, die relativ rasch vergriffen war.
[Bild: Startbild_gr.jpg]

Einzige Lautenleier aus der Werkstatt von Sebastian Hilsmann
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#6
Liebe Claudia,

es würde mich noch interessieren, wer für die Planung dieser Veranstaltung zuständig ist.
[Bild: Startbild_gr.jpg]

Einzige Lautenleier aus der Werkstatt von Sebastian Hilsmann
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#7
Fantasie und Wunschdenken, das durch stete Wiederholung nicht an Wahrheitsgehalt gewinnt - es steht mir nicht zu, Andere zu bewerten, die sich die Mär von den hessischen Hurdy-Gurdy-Girls zu eigen machen wollen, warum auch immer. Aber:

Das Freilichtmuseum Hessenpark ist direkt dem Land Hessen unterstellt. Und nach eigenem Leitbild verbindet es u.a. wissenschaftliche Forschung mit einem Bildungsauftrag. Eben vor diesem Hintergrund und dass mit der Öffentlichkeitsarbeit des Museums eine breite Öffentlichkeit erreicht wird, halte ich es für völlig inakzeptabel, dass von der Leitungsebene einer solchen Einrichtung diese Geschichte, die im Wesentlichen lediglich auf einer Erzählung des Pfarrers und Volksschriftstellers Ottokar Schupp aus dem Jahr 1867 beruht, als tatsächliche historische Gegebenheiten veröffentlicht wird.

Nur am Rande: Wer diese Erzählung lesen will (harte Kost), sie steht digitalisiert und kostenlos im Netz zur Verfügung. In Papierform wird das Buch gelegentlich auch in der Bucht angeboten.
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#8
(11.03.2020, 18:17)aXis schrieb: .. die Mär von den hessischen Hurdy-Gurdy-Girls ...
... diese Geschichte, die im Wesentlichen lediglich auf einer Erzählung des Pfarrers und Volksschriftstellers Ottokar Schupp aus dem Jahr 1867 beruht, als tatsächliche historische Gegebenheiten veröffentlicht wird.

Nur am Rande: Wer diese Erzählung lesen will (harte Kost), sie steht digitalisiert und kostenlos im Netz zur Verfügung. In Papierform wird das Buch gelegentlich auch in der Bucht angeboten.

So Legenden machen mich ja immer neugierig. Also hab ich mir das erwähnte Werk mal angesehen:
Schupp, Ottokar: "Hurdy-Gurdy - Bilder aus einem Landgängerdorf"; Bielefeld und Leipzig, 1867
(man findet dort auch eine reine Textversion + epub, allerdings nur als unbearbeitetes OCR-Ergebnis)

Es geht um Armut in einem Hessischen Dorf, Mitte des 19. Jh., um fahrende Bettler, um Auswanderung nach Amerika, darum wie Mädchen aus Armut von ihren Familien verkauft werden, oder sich verkaufen. Definitiv kein romatischer Heimatkitsch.

"Hurdy-Gurdy" kommt an genau 4 Stellen vor - einmal im Titel und dreimal im Text. Dann als (amerikanische) Bezeichnung für Tanzmädchen,  Frauen, die in Tanzhäusern für Geld mit Männern tanzen.
Zitate:
"Von größerer Bedeutung und Ausdehnung ist die andere Art von Seelenverkäuferei: das Miethen von Tanzmädchen, oder wie die Amerikaner sie nennen: Hurdy-Gurdy's."
"Die HurdyGurdy sind nur Deutsche, nur Rheinländerinnen."
"Ich nannte meinen Namen und sagte: ich sei eine Hurdy-Gurdy."

An keiner Stelle ist für mich direkt erkennbar, dass diese Frauen Drehleier spielen oder irgendein anderes Instrument (auch nicht Leierkasten/Drehorgel).
Den engsten Bezug zum direkten Musizieren stellt wohl noch der folgende Abschnitt her:

"Ueber ihre Beschäftigung sprechen sie sich nicht gern aus. Doch ist man darüber durchaus nicht im Unklaren. Die Männer treiben hauptsächlich Handel und Musik. Die Kinder betteln. Weiber und Mädchen leben vom Tanz oder von noch schlimmeren Dingen. Damit soll nun nicht ausgeschlossen sein, daß nicht auch die Männer betteln und die Weiber nicht auch öfters Hausiren gingen und Musik machten."

Also ich denke, dieses Werk taugt nicht mal ansatzweise als Beleg für die Existens einer größeren Anzahl drehleierspielender Mädchen im Hesssen des 19.Jh. (Oder nur für Leute, die nach 'ner Garnrolle zum Aufwickeln suchen, wenn es "Strippen regnet".)
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#9
Dank an bär für die systematische Aufarbeitung des Textes! 

Gelegentlich wird auch auf "Der Hessische Landbote" von Georg Büchner und Ludwig Weidig aus 1834 verwiesen. Zweifellos ein bedeutendes sozialgeschichtliches Dokument des Vormärz, das zwar die Lebenswirklichkeit der damaligen (Land-) Bevölkerung aufzeigt, als Beleg für hessische Drehleierspielerinnen aber nichts hergibt. Darüber hinaus noch auf einen Artikel in der "Gartenlaube" aus dem Jahr 1865, wobei dieses Blatt wohl nicht als seriöse Quelle - egal für was - angesehen werden kann.

Ich habe in meiner Sammlung tatsächlich die (sehr rare) Darstellung einer Drehleierspielerin US-amerikanischer Herkunft, sie ist aber nur Teil einer Serie von Sammelbildchen über Musikinstrumente. Werde ich gelegentlich hier posten, habe diese Darstellung jedoch immer unter Verschluss gehalten, damit sie nicht noch zur Unterstützung der Legende über die Hurdy-Gurdy-Girls herangezogen wird.
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#10
(14.03.2020, 00:55)aXis schrieb: ...
Darüber hinaus noch auf einen Artikel in der "Gartenlaube" aus dem Jahr 1865, wobei dieses Blatt wohl nicht als seriöse Quelle - egal für was - angesehen werden kann.
...

Na dann mal weiter mit der genaueren Analyse!

Zur "Gartenlaube" im Allgemeinen (siehe auch hier):

Die durchlief im Laufe der Jahrzehnte (1855 bis 1984, mit Unterbrechungen) wirklich krasse Wandlungen ihrer Ausrichtung.
In der Zeit um die es hier geht, also um 1865, wurde sie vom Verleger Ernst Keil, einem sozialkritischen Veteran der 1848er Revolution (quasi ein Alt-48er! ;-)), der wegen eines Pressevergehens seine bürgerlichen Ehrenrechte verloren hatte, herausgegeben. Dementsprechend war damals die Ausrichtung des Blattes.
Sie war das erste große deutsche Massenblatt und erschien um 1861 immerhin schon mit einer Auflage von 100.000 Exemplaren.
"Die Gartenlaube ist eine ebenso umfassende wie für viele historische Untersuchungsfelder unverzichtbare Quelle zur deutschen Kulturgeschichte ... "

Zu den Hurdy-Gurdy Girls in der Gartenlaube (was für eine Überschrift! Big Grin ):

Es geht um eine Artikelreihe von 3 Artikeln und eine polizeiliche Gegendarstellung dazu in den Jahren 1864/65.
Im Gegensatz zum bereits erörterten Werk von Ottokar Schupp (hier), sind es aber stärker journalistisch geprägte Texte.
Die Texte lesen sich eigentlich ganz gut, sind teilweise auch irgendwie witzig geschrieben und geben darüber hinaus auch einen Einblick in den Zeitgeist vor 150 Jahren (mit teilweise erschreckender Aktualität).

Die ganz kurze Version:
Hintergrund: Mitte des 19. Jh. wurden Kinder/Jugendliche von ihren Familien in Hessen/Nassau als Bettler, Hausierer, Schausteller und Prostituierte in andere Länder verkauft. Dänemark, England, Russland und Amerkika werden genannt. Das eigentliche Tun wird teilweise auch durch Musik kaschiert.
Es gibt in den Texten Hinweise auf

- eine Gruppe hessischer Betteljungen in London, die auf "mißförmigen Hörnern aus verbogenem Kupferblech" und "zersprungenen Clarinetten" das Publikum quälen ([1] und [2]),

- auf die hervorragende Rolle nassauischer Harfenistinnen in Sankt Petersburg, "die sich keineswegs auf das Singen und das Handhaben ihres musikalischen Instrumentes beschränken" ([2]) und

- auf Orgeln ([3]), in diesem Zusammenhang (Hausierhandel und damit verbundene Schaustellungen) mit Sicherheit Drehorgeln.

Es gibt keinen Hinweis auf Drehleiern in diesen Artikeln.

Im Zusammenhang mit der Auswanderung nach Amerika, tauchen keine Musikinstrumente auf. Statt dessen ist ausschließlich von Tanz die Rede:
"In Californien allein sollen über dreihundert solcher „deutscher Tanzmamsells“ sein, welche von ihren Eltern in Deutschland an die „Unternehmer“ vermiethet wurden. " [solcher = aus Hessen oder Nassau] ([2])

Und schließlich im letzten Artikel die Hurdy-Gurdy's:

"Um nun zunächst diese Facta etwas näher zu beleuchten, so muß ich wohl vor Allem erklären, was der Name Hurdy Gurdys eigentlich bedeutet.
...
Hurdy Gurdys ist der verächtliche Name für deutsche Tanzmädchen in den zahlreichen Minenstädten von Californien, Nevada, Oregon, Idaho, Washington und British Columbia, die wie Waare von grundsatzlosen Menschenhändlern an den Meistbietenden verdingt werden, um den „biederen Goldgräbern“ das Herz und den Geldbeutel leichter zu machen; die jegliches Schamgefühl verlernt zu haben scheinen und doch mit der Tugend kokettiren und die Hauptursache der in besagten Minenstädten fast tagtäglich vorfallenden blutigen Schlägereien, Stech- und Schießaffairen sind, welche nicht selten Mord und Todtschlag im Gefolge haben, – deutsche Tanzmädchen „aus Nassau from the Rhine“, wie ich’s mit eigenen Augen, ohne Brille, in den hiesigen Hôtelregistern in eleganter Originalhandschrift mehrfach gelesen habe." ([4])
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Die Quellen (in moderner Schrift, nicht in Fraktur!):
[1] Deutscher Menschenhandel der Neuzeit. Aus der Mappe eines Wiesbadener Curgastes. 1.
[2] Deutscher Menschenhandel der Neuzeit. Aus der Mappe eines Wiesbadener Curgastes. 2.
[3] Erklärung der herzoglich nassauischen Polizeidirection zu Wiesbaden
[4] Kirchhoff, Theodor: Die rheinischen Hurdy Gurdys in Amerika. Noch ein Capitel vom deutschen Menschenhandel.
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Die "Hurdy-Gurdy Girls" und "Hurdy-Gurdy dance-houses" tauchen in amerikanischen Veröffentlichungen durchaus auf. Sowohl in zeitgenössischen Zeitungsberichten und Gerichtsurteilen, als auch später in historischen Berichten und Forschungsarbeiten. Wenn in den Beschreibugen zu den dance-houses Musikinstrumente auftauchen, dann sind es Klavier und Geige/fiddel. Drehleier nicht.
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