Neues vom TradTanzMusik-Videokanal
#11
Täterätää, und Tusch für den ersten Bock auf TradTanzMusik!

Kontratanz Nr. 4, Graz, vermutlich 18. Jh., gespielt von Christian
Scharmann (Bock in F).

Das Stück findet sich in handschriftlichen Stimmbüchern im Bestand des
Archivs des Musikvereins für Steiermark und des Landeskonservatoriums in
Graz.

Kontratänze waren auch hier mal sehr verbreitet - das zeigen zumindest die
zahlreichen Melodien in alten Handschriften, die auf Namen wie z.B. Contra,
Quadrille, Angloise hören. Heute werden sie hierzulande eher seltener
getanzt. Das Kontratanzen aber nicht nur was für Volkstanzpfleger und
Tanznerds ist, sondern einfach auch vielen Leuten viel Spaß machen kann,
zeigen Veranstaltungen wie ContraShock! oder ContraCopia (9 h Kontratanz
am Stück). Hier locken Kontras viele hunderte auf die Tanzfläche.
Das Dumme ist nur, dass das alles recht weit weg ist - z.B. ContraShock! in Brooklyn
und ContraCopia in Philadelphia.

Hier ein paar Eindrücke vom Kontratanzen mit sehr viel Spaß:

ContraCopia
Flurry
High Contrast Techno Fusion Contra birthday party
Contrastock


Viel spaß damit
Thomas
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#12
Passend zur Onlinestellung des "Notenbuch des Onkel Ewert" vor ein paar Tagen,
gibt es heute daraus:
Matrosentanz, gespielt von Ernst Poets (Konzertina)

Im ursprünglichen Notenbuch hieß das Stück übrigends "Madolet". Fritz
Jöde, der das Stück vor etwa 80 Jahren abschrieb und bearbeitete,
hat auch gleich noch denTitel zurechtgerückt. Nun gut, für "Onkel Ewert"
(Tanzmusiker und der Schreiber der Noten) war es vermutlich einfach nur "Madolet".

Das Stück geht übrigends ganz prima auf der Drehleier, genauso wie die Polonaise
"Sind die Rüben rieb" und die erste Quadrille aus dem "Onkel Ewert". Beides ist auch
in "Neues aus alten Büchern" enthalten (die Rüben in Band 1 und die Quadrille, noch als
"Rövershagener Quadrille" benannt, in Band 2)
und absolute Sessionhits.

Viel Spaß damit
Thomas
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#13
Das Warten hat ein Ende - es gibt mal wieder ein neues altes Stück
auf TradTanzMusik, dass auf einer Drehleier eingespielt wurde.

Die heute vorgestellte Melodie wird möglicherweise von einigen als
merkwürdig empfunden. Es ist mal wieder eine der Melodien, die eine
Taktanzahl aufweist, die nicht durch vier teilbar ist und außerdem noch
ungerade. Im vorliegenden Fall trifft daszumindest auf den 5-taktigen B-Teil zu,
der A-Teil ist 4-taktig.
Auf mich wirken 3-, 5- auch 6-taktige Melodien nach wie vor irgendwie
"sperrig" und eben merkwürdig. Ich glaube zum ersten mal bewusst
begegnet bin ich solchen Melodien bei einem Bourrée-Tanzkurs von
Loïc Etienne, hab mich damals aber nicht weiter damit beschäftigt.
Es war für mich irgendwie einfach nur eine Kuriosität. Jahre später bin
ich bei der Repertoiresuche für das Pipenbockorchester auf 3- und
6-taktige Stücke in der Handschrift von Heinrich Nicol Philipp (Seibis,
1784) gestoßen und hab mich gefragt, was genau die eigentlich so
merkwürdig macht.
Mein Bild ist heute das folgende: eine Melodie ist auch eine Folge von
Spannungen und Entspannungen. Momente der Spannung drängen nach
Weiterführung bis zur Entspannung. Das Spannungspotential eine Tones
hängt dabei von seiner Stellung im verwendeten Tonsystem ab (z.B. Grundton
- geringste Spannung, Septime - sehr große Spannung).
Darüber hinaus ist aber auch die Stellung des Tones wichtig, ein Grundton im
3. Takt bewirkt z.B. eine größere Spannung als am Ende des 4. Taktes.
4-, 8-, 16-taktige Strukturen entsprechen meiner Hörerwartung nach einer
fertigen Melodie. Bei davon abweichenden Taktanzahlen, bleibt immer eine
Restspannung, die weiterdrängt und nach Auflösung verlangt. Selbst wenn
die Melodie auf dem (spannungsärmsten) Grundton landet. Die komplette
Entspannung gibt es bei diesen Melodien aber nicht und so kann man beim
Spielen teilweise echt lange auf diesen eigentlich sehr kurzen Melodien "hängenbleiben".
Das macht für mich den besonderen Reiz dieser Melodien aus.

Interessanterweise tauchen solche Melodien hauptsächlich in
Handschriften des 18. Jahrhunderts auf und verschwinden im
19. Jahrhundert nahezu vollständig (ältere Quellen kenne ich nur
sehr wenige).

Jetzt werden sie aber wieder ausgegraben, heute diese:
Nr. 55 in D aus dem "Dantz Büchlein" von Johann Friedrich Dreyßer
(1720), gespielt von Hermann Härtel (Geige) und Simon Wascher (Drehleier)

Eine Anmerkung zur Nummerierung der Stücke bei Dreyßer:
Die Stücke sind nach Schlusston geordnet (nicht nach Tonart!).
Bei jedem neuen Schlusston beginnt die Nummerierung wieder bei eins.
Hier also das 55. Stück mit Schlusston D.

Zwei andere Beispiele für Stücke dieser Art sind die Schleifer aus der Notenbuch
des Heinrich Nicol Philipp (Nr. 1 und Nr. 3 in der Zachmeier-Abschrift).
Hier gespielt von Zeller/Suchanek
und hier als Lernvideo.

Viel Spaß damit
Thomas
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#14
Zu dem heute vorgestellten Stück erreichten uns unabhängig voneinander zwei Einsendungen,
wobei die Spielstilistik hörbar von unterschiedlichen Ideen zum "dazugehörigen" Tanz geprägt ist.
Wir finden das spannend und ein schönes Beispiel dafür, wie wichtig die Rolle des Musikers und
seiner musikalisch-tänzerischen Vorstellung gerade bei der Interpretation von recht simplen Tanzmelodien ist.
Diese Melodien erscheinen ja auf den ersten Blick oft eher langweilig. Aber eben nur solange,
bis man ihnen mit musikalischen Ideen Leben einhaucht.
Das Beispielstück zeigt auch, dass es nicht die eine festgeschriebene gültige Interpretationsart gibt.
Experimentieren mit den dürren Notentexten ist nicht nur erlaubt, sondern für spannende
Interpretationen unbedingt notwendig.

Heute also:
Tantz I/51, Tanzsammlung Dahlhoff
gespielt von Hermann Härtel (Geige), Simon Wascher (Drehleier)
und
gespielt von Björn Kaidel (Nyckelharpa)

viel Spaß damit!
Thomas
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